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toxic.fm | 107.1 MHz
TV On The Radio Interview (deutsch) Drucken E-Mail
(C)tgrec.com; Personen (vlnr): Dave Sitek, Tunde Adebimpe, Kyp Malone Johannes Fritz traf TV On The Radio am Rande ihres Münchner Konzert als Vorband von Massive Attack am 22. August 2006.
 

Vor zwei Jahren entstand TV On The Radio. Was hat sich für euch seither verändert?
Dave Sitek Viel. Ich bin zwei Jahre älter. Abgesehen davon “I’m still plugging into things and unplugging them.” Wir haben viele Konzerte gegeben, das zweite Album ist draussen und ein paar Haare wurden grau. Aber nein, gelogen, ich bin immer noch jung. 

Und du besitzt jetzt auch ein Aufnahmestudio …
DSStimmt, ich habe eines gebaut. Wir haben unser zweites Album dort aufgenommen und viele andere Bands haben es schon benutzt. Blonde Redhead sind gerade dort. Davor haben Gang Gang Dance, die Grizzly Bears und Dragons Of Zynth dort aufgenommen. 

Dann bist du jetzt auch ein Produzent?
DSEigentlich bin ich kein Produzent. Nun ja, ich arbeite mit Massive Attack. Wir nehmen in deren und meinem Studio auf, zerlegen das Zeug, arrangieren es um, mixen es mit Neuem. Ich bin dabei kein Produzent, sondern irgendein Teil der Musiker. Aber das pausiert gerade, weil wir beide touren. 

Von dir stammt auch die Idee, dass die Hörer ihre Bands besser direkt bezahlen sollten und nicht via Plattenverkäufe.
DSIch denke, dass sich Platten nicht mehr verkaufen und die Preise schrumpfen und sich Bands dank des Internets direkt mit ihren Fans verbinden können. Labels verlieren dadurch mehr und mehr an Sinn. Nun sind sie wenig mehr als eine Bank mit lausigen Zinsen und enorm langen Zeitspannen bis man zurückgezahlt hat. 

Da kam mir die Idee: Du und deine Freunde gehen Pizza essen und trinkt dazu zwei Pitcher Root Beer: Das macht 20 Dollar. Und der Person, die euch die Pizza serviert gebt ihr vier oder fünf Dollar Trinkgeld, in den USA zumindest. Sagen wir, ihr gebt ihr fünf. Dann verdient diese Person drei Dollar und siebzig Cent mehr daran, euch eine Pizza zu bringen, als eine Band, die ein Album verkauft und einen guten Plattenvertrag hat.

Wenn also jeder Fan die Band so gut mit Trinkgeld versorgen würde wie den Kellner, dann bliebe der Band am Ende mehr übrig als heute. Verwaltungskosten würden runter gehen. Das ist möglich und ich sehe keinen Grund, warum es nicht passieren sollte. [Anm. JF: Die Alben würden dann gratis im Internet bereit gestellt. Das “Trinkgeld” wäre der Preis. Hier der erwähnte Blog-Eintrag.]

Und dank myspace.com werdet ihr die Musikjournalisten los!
DS“No, a lack of vision might.” Mit myspace können Bands eine direkte Beziehung zu ihrem Publikum aufbauen. Das ist etwas, was man nicht unterschätzen sollte. Ansonsten hat blogging allgemein den Journalismus beeinflusst, nicht nur myspace im Besonderen. Und es wird Journalisten auch nicht überflüssig machen. Es senkt lediglich die Bedeutung des Einzelnen oder von Unternehmen die bestimmte Journalisten bezahlen.   

Mir kommt es so vor, als ob Diskriminierung eines eurer Hauptthemen ist. Sei es in Interviews oder etwa im Track Hours auf dem neuen Album [Zitat: You walked around, thought yourself beautiful; just too bad they stared, just too bad they stared.]. Stimmt dieser Eindruck?
Tunde AdebimpeNun ja, irgendwie ist Hours schon ein Song über Diskriminierung, aber nicht direkt. Er handelt von jemandem, der nicht in seine Umgebung passt, dem das aber nichts ausmacht bis die Menschen um ihn herum eine große Sache daraus machen; und wie das Ganze diese Person beeinflusst. Darüber hinaus ist es selbstverständlich, das Diskriminierung scheiße ist und das bestimmte Sorten der Diskriminierung fürchterlich sind.  

Auch der Hurricane Katrina scheint euch zu beschäftigen. Wenigstens vom Titel: Dry Drunk Emperor, das in der Zeit raus kam und daneben noch Dirtywhirl auf dem neuen Album.
Kyp MaloneDry Drunk Emperor wurde geschrieben, lange bevor Katrina einschlug. Der Text beschäftigt sich auch nicht mit der Katastrophe, er ist über den Iraq-Krieg. Aber der ist wiederum nicht komplett unabhängig von Katrina, denn stünden wir nicht in einem aus Lügen begonnen Krieg, hätten wir mehr Ressourcen für die Menschen in New Orleans gehabt. 
DSDen Song veröffentlichten wir nur zu der Zeit, weil es wieder ein neues Ausrufezeichen war, warum man die Handlungen der Bush-Administration enthüllen sollte. 
Gerard Smith Die Nationalgarde und die Armee werden in Notfällen eingesetzt. Sie werden anderen Organisationen wie dem Roten Kreuz übergeordnet, sind früher und länger da. Und da liegt die absolute Ironie, wenn unsere Regierung das Hohelied der nationalen Sicherheit predigt und dann zulässt, dass …
KM … von “homeland security” reden und den größten Hafen Amerikas wegspülen lassen: Deine Hosen sind runter, Mann!

In den Bildern nach Katrina sieht man vor allem Farbige durch die Sümpfe von New Orleans waten.
DSDiejenigen, die Autos hatten, flüchteten und diejenigen, die keine hatten, konnten nicht weg. Normalerweise sollten Armee und Nationalgarde die Zurückgelassenen aus diesen Gebieten holen. Das ist nicht passiert und private Unternehmen sind nicht freiwillig eingesprungen. Vor unserer letzten Tour kamen wir in New Orleans vorbei und sprachen mit jemandem, der ein verlassenes Polizeiboot kaperte und damit alte Menschen aus seiner Nachbarschaft evakuierte. Wir reden hier von einer einzelnen Person. Das war seine Aufgabe und Verantwortung als Menschen … 
GS… aber es war nicht sein Beruf! 
DSUnd die Leute deren Beruf es gewesen wäre, “were fucking themselves.“ In den Vereinigten Staaten wird auf vielen Ebenen diskriminiert, eine davon ist Rasse, eine davon ist wirtschaftlich …
GS… auf der anderen Seite sind Militär und Gefängnisse voll von Farbigen. Aber außerhalb der Unterhaltung scheint für die nicht viel Platz zu sein. 
KMAber schau nur um den Globus, das ist kein spezifisch amerikanisches Problem: die ganze Welt wird von Weißen regiert!


Kyp Malone hat während des Interviews eine kleine Playlist aufgeschrieben: hier ist sie.
 
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