 | (RZ) Teil 2 des Klangschau Exklusiv-Interviews mit Wayne Coyne aus dem Jahre 2003. |
Nachdem wir im ersten Teil des Interviews mit Wayne Coyne bereits über die unvergleichlichen Konzerte der Flaming Lips und über Kollaborationen gesprochen haben, wenden wir uns nun Christmas On Mars und der Zukunft zu. Könntest du unseren Lesern/Hörern erklären worum es in Christmas On Mars geht? Ich hab nämlich erst den Trailer gesehen und sonst nichts.
Nun, da gibt es eine Raumstation auf dem Mars. Wir vermuten mal es ist in der Zukunft oder in der Vergangenheit, wer weiss? Auf jeden Fall existiert sie in einer Zeit in der Menschen auf dem Mars leben. Ehrlich gesagt, weiss ich nicht, ob je Menschen auf dem Mars leben werden. Aber in meinem Film leben sie auf dem Mars und fangen alle langsam an den Verstand zu verlieren. Sie sind isoliert von der restlichen Menschheit. Isoliert von der Erde. All das hat einen seltsamen Effekt auf sie und sie fangen langsam an den Verstand zu verlieren. Wenig überraschend befindet sich die Raumstation in einem entsprechend üblen Zustand und lässt sich kaum noch reparieren. Zu allem Überfluss gibt auch noch der Sauerstoffgenerator nach einem Unfall den Geist auf.
Es ist also Weihnachten, der Sauerstoffgenerator läuft nicht mehr und alle wollen eigentlich dieses wunderbare Fest feiern. Aber statt dessen verlieren die Leute langsam den Verstand und werden wahnsinnig. Einige begehen sogar Selbstmord. Es sieht also ganz so aus als käme das Projekt, das eigentlich ein grosser Schritt für die Menschheit hätte werden sollen, zu einem horrenden Ende.
Aber zum Glück empfängt mein Charakter, ein, wie du im Trailer gesehen hast, gutmütiger Ausserirdischer, auf dem Nachhauseweg vom – sagen wir mal - Orion-Gürtel das Notsignal vom Mars und entschliesst sich einen Zwischenstopp einzulegen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Durch eine Verwechslung hält man ihn aber auf dem Mars für den Weihnachtsmann, der die Weihnachtsfeierlichkeiten leiten sollte. Trotzdem schafft er es aber noch rechtzeitig den Sauerstoffgenerator zu reparieren und wir bekommen dieses schöne weihnachtliche Wohlfühl-Ende zu einer ‚doom and gloom’ Weltraumgeschichte.
Klingt ja fantastisch! Da freu ich mich schon drauf. Aber gehen wir gleich noch etwas weiter in die Zukunft. Euer nächstes Album?
Nun, wir wissen eigentlich nie so genau, was wir als nächstes machen werden. Das letzte mal als wir uns wirklich Zeit genommen und einen Plan für ein Album überlegt haben, war als wir Zaireeka gemacht haben, weil wir damals schon wussten, dass wir dieses Album mit vier CDs machen wollten. Aber sonst haben wir eigentlich nie einen Plan, was wir als nächstes machen wollen. Wir wissen eigentlich nur, dass wir etwas neues und herausforderndes machen wollen, das es uns erlaubt neue Ideen und neue Musik auszuprobieren. Mehr weiss ich im Moment wirklich nicht. Aber ich bin sicher wir fangen bald mit der Arbeit am neuen Album an, obwohl wir noch andere Sachen machen. Aber ich hab immer Songs und Ideen im Kopf. Ich glaube am Sonntag spielen wir noch in Irland und danach gehen wir heim. Ich denke mal in ein paar Wochen mach ich mal wieder ein paar Songs mit Dave Fridmann und wir überlegen uns, in welche Richtung es gehen könnte. Aber ich glaube wir werden vor 2005 oder so kaum was neues haben. Schliesslich werden wir für den Rest von 2003 noch mit Yoshimi unterwegs sein, da die Platte glücklicherweise so erfolgreich ist und so viele Musikmenschen begeistert hat. Wirklich toll. Aber ich weiss wirklich nicht was wir als nächstes machen werden. Hoffen wir was gutes. [lacht]
Dem Wunsch kann ich mich natürlich nur anschliessen. Aber da du gerade Dave Fridmann erwähnt hast, wie wichtig ist er für die Flaming Lips? Eigentlich könnte ich – wir ja Platten ohne ihn machen. Aber das wollten wir gar nicht. Wir kennen ihn ja seit eh und je. Seit 1980. Wir haben aber auch schon Platten gemacht, wo wir uns wirklich gegenseitig herausgefordert haben und beim besten Willen nicht nett zueinander sein konnten. Glücklicherweise ist er ein sehr netter Typ und wir versuchen wirklich nett zueinander zu sein. Aber oft, wenn man im Wirbel von Ideen und Kunst arbeitet, gibt’s einfach keine Zeit, um höflich zu sein. Man sagt nicht: “Oh ich mag deinen kleinen Song, aber dies und das...“
Glücklicherweise ist Dave so professionell und ich mach das ja auch schon so lange, dass ich wirklich niemanden brauche der mein Ego streichelt und sagt: „Oh Wayne, du bist so gut...“ Es wäre auch schlecht für unsere Egos, wenn wir diese unehrliche Bestätigung nötig hätten.
Mit Dave können wir wirklich Ideen ausarbeiten und dafür sorgen, dass die Ideen auch funktionieren, ohne uns einzureden die Ideen wären gut, obwohl sie nur durchschnittlich sind. Glücklicherweise ist Dave sehr gut darin zu entscheiden, ob etwas spannend, gefällig, schlau oder neu ist. Es ist immer gut solche Leute um sich zu haben, die eine Meinung haben und beurteilen können was man gerade macht. Schliesslich ist es oft so, dass man von seinen eigenen Ideen besessen ist. Ich denke das macht jemanden zu einem Künstler, dass man sich in seine eigenen Ideen verliebt. Aber ich meine das jetzt nicht in einem positiven Sinn. Ich halte das für etwas schreckliches. Wenn ein Künstler die Idee hat eine Statue zu machen, dann muss er eine Statue machen. Ich weiss nicht warum. Wenn sich der Künstler in die Idee verliebt ein Bild zu malen, dann muss er halt ein Bild malen.
Bei mir ist es genau so. Ich verliebe mich in die Idee einen Song zu schreiben, zu produzieren und identifiziere mich danach auch stark mit diesen Ideen. Aber das heisst noch lange nicht, dass die Ideen auch gut sind. Ich verliebe mich in alle meinen Ideen. Es ist überwältigend. [lacht]
Aber wenn ich Glück habe arbeite ich mit Leuten zusammen, die mir helfen die Obsession zu überwinden und die Songs objektiv zu betrachten, als ob sie nicht von mir wären. Und genau das macht Dave Friedman so gut. Er sagt: „Wir müssen daran weiterarbeiten. Es muss etwas bedeuten. Es muss die Leute unterhalten. Es darf nicht nur Wayne verliebt in eine Idee sein. Das bringt gar nichts.“ Das macht er wirklich wunderbar. Aber Steven und Michael machen das natürlich auch gut und hoffentlich mach ich das auch gut mit Ideen von anderen. Ich hoffe wirklich, dass ich für Vorschläge offen bin. Ich will wirklich nicht nur für mich da sein. Ich möchte für alle da sein. Obwohl ich schon der Focus der Flaming Lips bin und alle Ideen durch mich als die Identität der Flaming Lips kanalisiert werden. Aber es sind natürlich die Ideen von allen Mitgliedern die unsere Sachen so einzigartig, toll und hörenswert machen.
Ihr scheint im Moment wirklich eine der glücklichsten Bands auf dem Planeten zu sein. Ich könnt die meisten eurer Ideen auch tatsächlich verwirklichen.
Da kann ich nur zustimmen, Rafaël. Wir sind halt wirklich schon so lange dabei und haben die besten Fans, die man überhaupt haben kann. Unsere Fans sind Musikmenschen, sie sind schlau und sie wollen, dass wir uns stets weiterentwickeln und in neue Dimensionen vorstossen. Sie sagen nicht: „Wir mögen, was ihr jetzt macht. Bitte, verändert euch nicht mehr.“ Stattdessen schauen sie uns an und sagen: „Wir wissen ihr werdet euch verändern und können es kaum erwarten zu sehen, wohin die Reise geht.“ Das ist wirklich fantastisch. Dann haben wir natürlich noch unser Label Warner Brothers, das uns kübelweise Geld gibt, einen grossartigen Manager und einen Haufen Leute um uns, die uns immer unterstützen und helfen, sogar mit unseren seltsamsten und unglaublich experimentellen Ideen. Bei solchen Ideen sagen sie einfach: „Go, get them fellows!“
Die vereinbarte Interviewzeit ist inzwischen natürlich deutlich überschritten und der Plattenfirmenmensch schaut schon böse, da Wayne danach noch an ein Telefoninterview müsste. Doch Wayne lacht nur auf diese unglaublich ansteckende Wayne-Art und meint, wir sollen uns von dem nur nicht stressen lassen. Also nehmen wir noch ein paar weitere Sachen für toxic.fm auf, die ich später ev. diesem Interview noch anhänge. Zwischendurch versucht der Plattenfirmenmensch das Interview zu beenden doch Wayne schickt ihn lachend wieder weg und plaudert weiter. Er will zum Beispiel wissen wo ich diese langen Hosen her habe, die man dank einem Reissverschluss in kurze Hosen verwandeln kann. Solche müsse er sich auch kaufen. Schliesslich bekomme ich langsam Mitleid mit dem armen Plattenfirmenmenschen und gebe Wayne zum Schluss noch mein Yoshimi Album für ein Autogramm. Doch zufälligerweise ist in der Hülle nicht die Yoshimi CD sondern die neue Radiohead. Grund genug gleich noch etwas über diese wunderbare Band zu plaudern, die wir offensichtlich auch beide sehr schätzen. Ich weiss gar nicht wie lange das ganze Gespräch schlussendlich dauerte. Die Aufnahme allein dauerte 25 Minuten. Das Vor- und Nachgeplauder natürlich nicht eingerechnet. Auf jeden Fall verabschieden wir uns dann doch noch und dem Plattenfirmenmenschen fällt wohl ein richtiger Felsen vom Herzen. Das Flaming Lips Konzert ein paar Stunden später werde ich wohl so schnell nicht mehr vergessen. Der bare Wahnsinn. Aber das hat Wayne ja auch versprochen.
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