| (RZ) Teil 1 des Klangschau Exklusiv-Interviews mit Wayne Coyne aus dem Jahre 2003. |
Montreux, 2003. Die beste Band der Welt, die Flaming Lips, spielen am Montreux Jazz Festival und ich bin mit ihrem Sänger und Mastermind Wayne Coyne auf ein Interview im 5-Sterne Hotel Palace verabredet. Entgegen ersten Befürchtungen grüssen mich die Türsteher freundlich und weisen mir den Weg in den grossen Salon. Ich bin etwas zu früh – schliesslich möchte man an so ein Treffen nicht zu spät kommen – und lungere akustisch begleitet vom Barpianisten etwas durch den prunkigen Salon. Doch da kommen auch schon Wayne (im typischen weissen Anzug) und der Typ von der Plattenfirma. Nach einer freundlichen Begrüssung setzten wir uns etwas abseits des Pianisten in die lauschigen Salonsessel und der Plattenfirmenmensch fragt, was wir trinken möchten. „Cola Light“ „Cola Light“ Da haben wir ja schon das erste Thema. Wir plaudern etwas über den unvergleichlichen Geschmack von Cola Light, den wir beide sehr schätzen. Im Verlaufe des Vorgesprächs stellt sich dann noch heraus, dass die Falming Lips gar nicht in diesem Hotel residieren und nur zu Promo-Zwecken hierher gefahren wurden. Aber ihr Hotel wäre auch nicht allzu übel. Nachdem unsere Cola Lights eingetroffen sind können wir mit dem Interview anfangen.
Wie müssen sich unsere Hörer/Leser ein Flaming Lips Konzert vorstellen. Ich hab gelesen, es soll sogar Leute in Plüschtierkostümen geben.
Oh, da gibt es noch viel mehr, du wirst dann schon sehen. [lacht] Wir haben Roboter, Ballons, eine Videowand, Handpuppen, eine Lampe an einem Seil, mit der ich hoffentlich niemanden verletze, und und und... Das ganze kann man sich ganz gut als Kindergeburtstag vorstellen. Und die Plüschtierkostüme? Wie kam’s denn dazu?
Ein Freund von uns hat sich vor einigen Jahren ein Paar LSD Trips reingeworfen und kam anschliessend an eins unserer Konzerte verkleidet als Hase. Riesen Hase. Wir waren alle damals so begeistert, dass wir beschlossen uns ein paar dieser Hasen-Kostüme zu kaufen und fortan bei jedem Konzert Leute darin auftreten zu lassen. Inzwischen hat sich das natürlich weiterentwickelt und wir haben jeweils etwa 20 kostümierte Personen auf der Bühne, die tanzen, tun als hätten sie Sex oder andere verrückte Sachen machen. Ich weiss aber nicht was das ganze zu bedeuten hat oder ob’s überhaupt etwas zu bedeuten hat. Aber ich hoffe die Leute kommen zu unserer Show und sehen es als Möglichkeit all diese Barrieren, wie Coolness, Zurückhaltung oder überkritisches Gehabe, abzulegen. Ich hoffe die Leute kümmern sich nicht um so Oberflächlichkeiten. Eine Flaming Lips Show hat nebst der Musik so viele Elemente, die wirklich blöd aber auch richtig lustig und total übertrieben sind. Ich hoffe einfach man kann das ganze einfach richtig geniessen ohne es zu überanalysieren. ‚Was soll das?’ ‚Das ist ja lächerlich.’ ‚Warum machen die all diese Sachen?’ Wir wollen die Leute nur unterhalten. Unser wichtiges Ziel ist, die Leute – natürlich sind es Leute, die uns mögen und unsere Lieder hören wollen – zu unterhalten und ihnen eine gute Zeit zu bereiten.
Ich hab schon Einiges über eure Show gelesen und hab mir ehrlich gesagt etwas Sorgen gemacht, dass es bei all den Kostümen, Ballonen und Zeugs zu einem regelrechten Overkill kommt.
Oh, es gibt garantiert einen Overkill. [lacht] Aber ab einem bestimmten Punkt wirst du dir nur noch denken ‚Oh, toll!’ und alle Bedenken vergessen. [lacht] Aber ich glaube nicht, dass es die Musik überschattet. Musik ist so mächtig, dass man fast alles nebenbei machen kann und es immer noch funktioniert. Wir machen das ja auch schon so lange und haben den Bogen langsam raus. [lacht] Aber ich mache mir da keine Sorgen, schliesslich ist es ein Rockkonzert und gerade die jungen Leute sind es sich gewohnt, dass viel Zeugs gleichzeitig passiert, und wir machen Zeugs – viel Zeugs. Also ich sage nicht dass alle es so tun sollten, aber ich finde es toll. Zudem gibt’s mir was zu tun auf der Bühne. [lacht]
Wow, da bin ich wirklich gespannt auf das Konzert heute Abend. Ihr spielt ja mit Brendan Benson und Beth Orton. Mit beiden habt ihr ja früher schon zusammen gespielt.
Ja. Wir haben mit Beth gespielt. Nicht allzu oft, aber ein paar mal in Amerika. Dann kam sie zu uns auf die Bühne – ich glaube es war unser letztes Konzert in England. Wir haben Freunde auf die Bühne eingeladen, um ein zwei Songs zu spielen und Beth war eine davon. Sie war übrigens an einer Party vor ein paar Tagen und ist im Pool schwimmen gegangen. Dummerweise hatte es am Grund des Pools Algen und sie ist ausgerutscht. Sie wird also heute Abend wohl etwas hinken. [lacht]
Brendan Benson war ja auch schon mit euch unterwegs.
Ja er war mit uns unterwegs in Europa. Das heisst viel Deutschland, Italien, Griechenland und Konsorten. Ich glaube es war im März. Ich kann mich kaum noch erinnern, das ganze Jahr geht so schnell vorbei. Aber er hat eine gute Truppe dabei. Ich glaube das wird richtig toll heute Abend.
Ich habe Brendan erst kürzlich an einem Festival gesehen. Es war sein erster Festivalauftritt überhaupt.
Ah, er hat gerade letzte Woche mit uns an einem Festival in Norwegen gespielt. Er hat also inzwischen schon ein paar hinter sich. Hattet ihr eigentlich Einfluss auf das Programm von heute Abend?
Ehrlich gesagt, weiss ich es nicht. Wir haben natürlich vom Montreux Jazz Festival gehört. Aber ich glaube sie wollten einfach einen etwas speziellen Abend zusammenstellen mit verschiedenen Künstlern, die im Sinne von Singer/Songwriter ihre Songs spielen. Mir gefällt natürlich die Idee, dass man uns als Songwriter eingeladen hat, obwohl wir bombastisch sind und eine grosse Show machen. Beth Orton dagegen macht weniger eine ‚Show’. Es ist eher sie und ihr Gesang. Mit Brendan ist es ähnlich. Aber ich denke das ist ein wunderbares Programm. Ich mag Beth und ich mag Brendan. Ich bin auf die zwei auch schon sehr gespannt. Kommen wir nun zu den Kollaborationen. Ich hab im Internet gelesen, dass ihr mit dem Polyphonic Spree was gemacht habt.
Eigentlich haben wir nichts mit dem Polyphonic Spree gemacht – obwohl in einem gewissen Sinn hab ich schon. Am Glastonbury Festival haben sie gespielt während wir daran waren unser Zeugs aufzubauen und nachher sind wir den ganzen Tag mit ihnen rumgehangen. Es gibt ja einen ganzen Haufen von denen. [lacht] Später am Abend, wir hatten schon gespielt, war Tim DeLaughter immer noch da. Ihn hab ich ja schon früher getroffen als er noch bei Tripping Daisy. Die Flaming Lips gibt’s halt auch schon seit eh und je. Auf jeden Fall haben wir dann für eine TV-Station zum Spass ein Duett eingesungen. Wir stellten uns vor wir wären zwei dieser legendären Troubadouren. Ich war Willie Nelson und Tim war Waylon Jennings. Gesungen haben wir dann She's A Good Hearted Woman Loving Her Good Timing Man, ein Klassiker der beiden. Ich kannte leider nicht den ganzen Text, aber ich glaube Tim auch nicht. [lacht] Das sind halt so die Sachen die man so macht, blöd aber lustig. Wenn du das als Kollaboration ansiehst, haben wir tatsächlich kollaboriert, Rafaël. [lacht]
Bleiben wir gleich bei den Kollaborationen, Wayne. Ihr habt ja auch etwas mit den Chemical Brothers gemacht. Ich hab’s noch nicht gehört. Was können wir da erwarten?
Nun, wie bei allen ihren Alben, laden sie Sänger ein, die dann über eine ihrer Produktionen singen. Also ich hab sie nie bei der Arbeit gesehen, aber ich glaube so läuft das bei ihnen. Wir haben sie bei unserem letzten Konzert in England getroffen. Dort haben sie uns eine Kassette gegeben mit einem Stück an dem sie gerade arbeiteten. Ich und Steven Drodz haben diese dann mit nach Hause genommen und haben dann gleich daran rumgebastelt. Nach ein zwei Tagen haben wir das Ganze den Chemical Brothers zurück geschickt. In der Zwischenzeit hatten sie aber schon wieder was neues geschrieben. Einen Song speziell für die Flaming Lips. Als sie also unsere Kassette gehört hatten meinten sie: ‚Nun, wir mögen es. Aber jetzt möchten wir, dass ihr an diesem neuen Song arbeitet.“ Der neue Song war ein super Song. Ich war sofort richtig begeistert. Innert ein zwei Tagen nahmen wir eine neue Spur für den Song auf und schickten sie zurück nach England. All das passierte wirklich sehr sehr schnell. Aber richtig zusammengearbeitet haben wir nie. Alles lief per Post und am Schluss wurde alles durch die Magie von Computern verschmolzen. Es ist etwas seltsam. Aber so laufen viele Sachen heutzutage. Wann können wir denn mit dem Song rechnen?
Ich glaube es kommt im September oder so ähnlich. Dann erscheint das Chemical Brothers Best Of Album und da wollen sie noch ein paar neue Songs drauftun.
Nun weiter zu deinem Film Christmas On Mars. Dieser erscheint ja, wenn ich mich nicht irre, so gegen Weihnachten.
Noch nicht diese Weihnachten. Wenn ich wirklich Glück habe kommt der Film an Weihnachten 2004. Ich glaube ich werde in nächster Zeit noch viel Zeit damit verbringen mit Leuten zu plaudern, Konzerte zu spielen und den internationalen Entertainer zu sein, den ich inzwischen geworden bin. [lacht] Ich werde also sobald keine Zeit haben eine Pause zu machen und zum Regisseur zu werden. Ich denke mal das dauert noch ne ganze Weile. Mindestens acht Monate. Aber an den nächsten Weihnachten hab ich den Film hoffentlich zusammen und kann diesen seltsamen kleinen Bastel-Film rausbringen. |