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 | Jan Gerlach sprach mit Sven Regener über Straßenbahnen, englischsprachige Texte und Überlebensstrategien. |
Die aktuelle Single heißt „Straßenbahn des Todes“. Fährst du gerne Straßenbahn, vielleicht auch aus Nostalgie? Ich fahre gerne Straßenbahn. In Berlin weniger, aber ich bin ja eigentlich Bremer. Straßenbahn find ich schon toll, ist ne gute Sache und eine Art Nostalgie spielt da sicher mit. Als Jugendlicher hab ich das gehasst. Da wollte ich ankommen, da hatte das fahren an sich keinen besonderen Wert, sondern war eher lästig. Mittlerweile fahr ich wie gesagt gerne. Obwohl solche Bahnen ja entweder eine Kinder oder eine Oma Geschichte sind, der Rest dazwischen fährt mehr Auto oder Fahrrad. Das Cover von „Mittelpunkt der Welt“ zeigt euch im Grünen. Bist du überhaupt ein Stadtmensch?
Absolut. Bremen war mir mit einer halben Millionen Einwohner schon immer zu klein. Die meisten Dinge, von denen ich erzähle, sind städtische Dinge. Aber die neue Platte hat ja so was Folk-Rockiges und deshalb fand ich es ganz nett, wenn wir uns für das Cover auf eine Wiese stellen. Das hat auch so ein bisschen absurden Charme. Element of Crime gelten in den Feuilletons derzeit als Retter des intelligenten Pops. Wie findest du solche Aussagen? Nun das ist erst mal ein Kompliment und man sollte über Komplimente nicht meckern. Ich habe da nie besonderen Wert drauf gelegt Intelligenz mit der Musik zu vermitteln. Intelligenz ist glaube ich in der Rockmusik kein wirkliches Qualitätskriterium. Das bringt nichts. Es geht in der Kunst nicht um Intelligenz, sondern um Schönheit. Intelligenz ist sicher nichts schlechtes, aber es nutzt auch nichts. „Für wenn du ihm Gottesfurcht bringst“ habe ich bei „Straßenbahn des Todes“ geschrieben. Das ist jetzt kein furchtbar intelligenter Satz, er klingt sogar ein bisschen prollig. Und das soll jetzt gar nicht abwertend klingen, ich mag das und ich mach das auch unbewusst. Schreib das vor mich hin und stell erst im nachhinein fest, dass es jetzt „intelligent“ oder „prollig“ oder sonst was ist, was ich da eben geschrieben habe. Ich bin ganz gegen Schlaumeierei in der Kunst. Auch gegen so ganz raffiniertes Wortgeklingel, davon halt ich nichts. Wenn ich einen Songtext höre, will ich mir eine Geschichte rekonstruieren können. Und das hat dann damit zu tun, dass der Text einen anrührt, einem gefällt, es gut klingt. Dass man das Gefühlt hat, hinter dem Text steht irgendwas, eine Geschichte ohne dass man wissen muss, was da jetzt genau passiert. Erhöhen der Erfolg und diese Retter-Bezeichnungen den Druck?
Der Druck geht eigentlich immer mehr weg. Je mehr Erfolg man hat, desto mehr verschwindet der Druck, so sehe ich das. Vorausgesetzt man ist nicht besonders scharf darauf, unbedingt, auf Teufel-komm-raus den Erfolg zu wiederholen. Man kann sich dadurch frei machen. Kommt es vor, dass du etwas beobachtest, um es in einem Songtexten zu verarbeiten?
Ich sitz schon mal gern im Park und schau Leute an, so ist es nicht. Aber ich tu das nicht, um einen Songtext zu schreiben. Ich schreibe alles aus meiner Erinnerung. Ich vergesse eigentlich nichts. Aber ich beschreibe auch nie etwas, was ich direkt so erlebt habe. Sondern nur was sein könnte, aus der Phantasie heraus, in der sich dann Erfahrungen mit Erwartungen mischen. Da können völlig unterschiedliche Erlebnisse in eine Zeile einfließen. Das ist niemals eine Reportage. Reportagen sind keine Kunst, sie sind unfrei und gebunden. Man muss spinnen und sich was ausdenken. Vor zehn Jahren ist die Band knapp an der Armutsgrenze entlang geschrammt. Inwiefern spinnst du heute anders? Die Band hat einen Stil und wenn sie das nicht hätte wäre sie schlecht. Selbst wenn wir „My Bonny Is Over The Ocean“ covern, klingt das wie Element of Crime. Das macht diese Band für mich so dankbar, weil sie so einen starken Charakter hat und das schätze ich so sehr. Ich hab prinzipiell nichts dagegen eine Band nach fünf Jahren aufzulösen, aber um Element of Crime wär’s schon schade gewesen. Zwischen euren Alben liegen aber gerne mal zwei, drei Jahre. Ist Element of Crime ein Nebenprojekt? Nein, das ist mein Lebensinhalt. Ich lebe seit 1989 mit und von dieser Band. Dass ich jetzt mal im Lotto gewonnen hab und diese beiden Bücher geschrieben habe, das ist zwar ne andere Sache, aber Element of Crime ist seit 1989 mein Hauptberuf. Wir sind allerdings nicht der Meinung, dass man jedes Jahr ne Platte raus hauen muss. Man kann das machen, wenn man so viel zu erzählen hat. Aber ein, zwei, drei Jahre Ruhe sind auch wichtig, denn sonst macht man es vielleicht aus den falschen Motiven. Man schreibt nicht mehr Songs, weil man gute Ideen hat, sondern weil man nichts besseres zu tun weiß. Das ist ein Problem und natürlich haben wir nichts besseres zu tun als Songs zu schreiben, aber dann tun wir trotzdem mal nichts und das macht’s dann wieder interessant. Element of Crime tourt auch recht wenig. Macht es euch denn überhaupt Spaß?
Vielleicht grad drum. Wir waren schon als jüngere Musiker etwas versnobt was das angeht: Auf keinen Fall tingeln, möchte ich mal sagen. Bloß nicht totspielen. Das ist auch ein bisschen ideologisch, aber es ist der richtige Ansatz und kommt unserem Charakter entgegen. Lieber weniger spielen und dann richtig heiß drauf zu sein. Wir haben verdammt viel Spaß, wenn wir auf Tour sind. Wegen der Musik, der Rest ist ja Schülerkram. Also im Tourbus zu sitzen, würde ich niemals einen Song drüber machen. Hat überhaupt nichts romantisches. Auch Hotels und so. Das ist alles Asche, das nimmt man in Kauf. Am Abend das Konzert, das ist das Wesentliche. Freie Tage auf Tournee sind die Hölle. Den Arctic Monkeys sagt man ja nach, dass sie sich erst übers Internet hochgehypt hatten, bevor sie überhaupt eine Plattenfirma, geschweige denn getourt hatten. Wär das auch was für Element of Crime, Platten verkaufen ohne touren zu müssen? Also ich halte diese Arctic Monkeys Geschichte für ein Indie-Ammenmärchen. Das ist doch geschicktes Marketing. Die haben doch ne Plattenfirma und Tausende Platten verkauft. Diese Indie-Ammenmärchen kenn ich schon seit den 80ern. Da ging das los. Aber was die Arctic Monkeys jetzt zeigen müssen, um nach vorne zu kommen, gleicht doch einer Ochsentour. Heute hier morgen da, Europa, USA, Japan. Um ein Internettipp zu werden muss man sicher auch ganz viel networken. Wär das was? Wir haben immer viel networking betreiben müssen, weil wir keine Singlehits hatten. Man musste in die Single-Charts, um überhaupt jemand zu werden. Bei uns hat es acht Jahre lang gedauert, bis wir mal die LP-Charts erreicht hatten. Und das haben wir durch völlig ungesteuertes networking erreicht, nämlich durch Mundpropaganda. Das zeigt doch die Grenzen des Marketings. Die Leute erzählen sich einfach, was ihnen gefällt und was nicht. Und wir hatten schöne Ideen für schöne Songs. Zuerst habt ihr diese Ideen aber in englischer Sprache verbreitet. Jetzt ausschließlich auf Deutsch. Weshalb der Wechsel? Wir dachten, dass Element of Crime nicht auf Deutsch singen kann; wegen des Klangs. Deutscher Gesang klingt einfach ganz anders. Wir machen immer erst die Musik und dann suchen wir die richtigen Worte. Und wir konnten uns das nicht für uns vorstellen. Es gab da auch kein Beispiel für. Die Neue Deutsche Welle war ja gerade in einer Katastrophe geendet und hatte sich quasi selbst begraben. Dann hatten wir schließlich doch einmal einen deutschen Song gemacht und den auch auf eine ansonsten englischsprachige Platte (The Ballad of Jimmy & Johnny, Anm. JG) gepresst. Der Song fiel gar nicht auf, sonder im Gegenteil, war sogar angenehm und da haben wir das dann weiter betrieben. Die englischen Songs spielen wir aber auch noch ganz gerne. Wir distanzieren uns also überhaupt nicht von den alten Sachen. Ganz bestimmt nicht. Das schöne an der Kunst ist, dass sie das Reich der Freiheit ist, wenn man es erst mal begriffen hat. Durch die Mischung aus Wortwahl und Inhalt haben eure Texte oft was tragikkomisches. Ist das Leben tragikkomisch? Die Österreicher haben im Ersten Weltkrieg gesagt: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Das find ich eine bemerkenswerte Überlebensstrategie. Einige der rauschendsten Feiern, die ich in meinem Leben erlebt hab, waren Begräbnisfeiern. Erst wird richtig geweint und dann muss man aber auch wieder richtig feiern. Das gehört irgendwie zusammen. Sonst ist es auch schwer zu ertragen. Wenn man die komischen Seiten nicht im Blick behält, wird man vielleicht erschlagen. Dann wird man bitter und das ist nicht gut. mehr Interviews |