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dEUS Interview (deutsch) Drucken E-Mail
(Christine Godet) Das Klangschau Exklusiv-Interview mit Tom Barman in einer deutschen Übersetzung. Das Interview in Englisch gibt es hier


„Es wäre ein Meisterwerk wenn ich mit der gleichen Band zwei Alben hintereinander aufnehmen könnte.“ Dessen ist sich dEUS Sänger Tom Barmann sicher. Bis jetzt ist die Band immer in neuer Zusammensetzung im Studio erschienen. Trotz oder wegen der vielen Wechsel hat sich dEUS ständig weiterentwickelt und in Antwerpen einen Sound kreiert der seinesgleichen sucht. Die belgische Band dEUS zu kategorisieren fällt sogar vorlauten Kritikern schwer.

Der einzige Fixpunkt bei dEUS ist der Sänger Tom Barmann. Er ist der einzige der von Anfang an dabei war und es ist vor allem seine Vision die dEUS zu verwirklichen versucht.

 
Existiert ein Unterschied zwischen der flämischen und der wallonischen Musikszene?
 
Ja (lacht). Ich glaube schon. Jedoch spreche ich nicht von Szenen. Szenen werden von Journalisten erfunden. Wenn in einer Stadt Musik gemacht wird entsteht immer eine Szene. Ob die Szene auch gemeinsame musikalische Merkmale aufweist ist eine andere Frage. In den 90er Jahren erhielten vor allem flämische Bands Verträge und tourten durch die Welt. Seit kurzem sind auch einige wallonische Bands erfolgreich wie die Hollywood Pornstars oder Ghinzu.

Kelly Jones von den Stereophonics meint, dass Ghinzu wie der Name einer Suppe klingt.
 
Die wallonischen Bands sind nicht gut darin Bandnamen zu finden. Der Unterschied zwischen den wallonischen und den flämischen Bands ist: Wir sind besser (lacht). Ich kümmere mich nicht darum woher eine Band stammt. Ich finde es toll, dass in unserem kleinen Belgien so viele Bands Musik machen.

Wenn du belgische Musik hörst, kannst du sagen ob es eine flämische oder eine wallonische Band ist?
 
Ja (lacht). Ja, ja.

Woran erkennst du eine wallonische Band?
 
Ihr Englisch ist schlecht und ihre Texte sind schlecht (lacht).

Sind flämische Bands deshalb erfolgreicher?
 
Nein. Ihr Englisch ist auch schlecht und ihre Texte genauso. Ich weiss nicht wieso die flämischen Bands erfolgreicher sind.
Als wir anfingen waren wir jung und arrogant genug zu denken, dass wir auch ausserhalb unseres kleinen Belgiens spielen könnten. Wir hatten Glück. An unser erstes Konzert im Ausland kamen viele Plattenfirmen um sich die Hauptband Girls Against Boys anzusehen. Ob du es glaubst oder nicht, Girls Against Boys wurden als die neuen Nirvana bezeichnet. Jede Plattenfirma wollte sie unter Vertrag nehmen. Sie waren die am heissesten gehandelte Band. (Ungläubig) Am Ende erhielten wir einen Vertrag So nahm alles seinen Anfang. Danach veröffentlichten wir unser erstes Album Worst Case Scenario und gingen auf Tour. Wir hatten wirklich Glück.
Das Problem das Bands aus kleinen Ländern haben ist, dass sie zu sehr nach Amerika oder England schielen. So haben sie keine Chance. Wenn sie etwas kreieren, was nur in ihrem Land entstehen kann, ob das ein bestimmter Sound ist, Musikstil oder Eklektizismus, dann haben sie eine Chance. In Belgien gibt es einige gute Bands, aber viele klingen zu sehr nach dem belgischen Neil Young oder den belgischen Rolling Stones.

Rund um das Label Saddle Creek, sowie in Kanada und Belgien scheint es Gang und Gäbe zu sein in mehreren Bands zu spielen. Glaubst du dass euch die vielen Wechsel mehr geschadet als genützt haben? Viele Mitglieder haben nach dEUS neue Bands gegründet, welche erfolgreich sind.
 
Das war andersherum. Sie spielten zuerst in anderen Bands und wechselten dann zu dEUS. Danach verliessen sie dEUS. Sie entschuldigten sich mit der Begründung, dass dEUS zu viel Aufmerksamkeit forderte und zuviel Zeit kostete. Wir bestehen seit jeher aus Musikern, die nebenbei ihren eigenen Projekten nachgingen. Das ist ein grosser Vorteil und kann auch ein riesiger Nachteil sein, wie wir in der Vergangenheit mehrere Male bewiesen haben.

Belgien (10.5 Mio Einwohner) ist lediglich eineinhalb Mal so gross wie die Schweiz (7.5 Mio Einwohner). International bekannte Schweizer sind rar. Mit belgischen Künstlern ist das anders. Werdet ihr durch die Regierung unterstützt?
 
Es gibt einige Bands die ein wenig unterstützt werden. Ironischerweise sind das aber nicht die Bands welche über die Grenzen hinaus bekannt sind. Vor acht Jahren wurden wir ein Jahr lang unterstützt. Aber die Sache hatte einen schalen Beigeschmack, weil ich nicht der Meinung bin, dass Rock oder Popmusik durch den Staat finanziert werden sollte. Das ist paradox. Ich will mit etwas Erfolg haben, was ich selbst auf die Beine gestellt habe. Mit Filmen ist das anders (Tom Barmann hat bei einem belgischen Independent-Film Regie geführt, Anm. der Redaktion). Ohne finanzielle Unterstützung ist es beinahe unmöglich einen Film zu drehen. Mit einer Band ist das viel einfacher. Du spielst und erhältst dafür Geld. Ich mache das seit langem. Während drei Jahren verdiente ich mein Geld als Strassenmusiker. Das System ist das gleiche (lacht). Es gibt nur einen kleinen Unterschied; die Leute auf der Strasse haben mich nicht darum gebeten für sie zu spielen (lacht).

Wieso machen belgische Bands, insbesondere dEUS, so eigenständige und progressive Musik?
 
Weil wir ein junges Land sind. Wir haben keine grosse musikalische Tradition. Es existiert eine gewisse Freiheit oder „m’en foutisme“. „M’en foutisme“ beschreibt ein Gefühl der Gleichgültigkeit. Engländer tragen das schwere Gewicht der Beatles und der anderen grossen Gruppen auf ihren Schultern. Alles was neue Bands tun wird mit den Erfolgen der Vergangenheit verglichen. Mauro, unser Gitarrist, umschrieb dieses Phänomen treffend: Die Engländer wuchsen mit den Beatles auf, die Amerikaner mit Elvis Presley und die Belgier mit Plattenläden.
Ich kann nur für mich sprechen. Ich hatte immer einen eklektischen Geschmack und habe versucht das mit dEUS zum Ausdruck zu bringen. Fügt man in England eine dissonante Trompete zu einem Song ist das für die Engländer intellektuell. Die Belgier hingegen sagen: Mmh, cool.

Glaubst du, dass eure Alben aufeinander aufbauen oder sollte man sie unabhängig voneinander betrachten?
 
Oh gute Frage (schweigt für 9 Sekunden und denkt nach). Die Alben sind so unterschiedlich, dass beides zutrifft. Ich hoffe, dass eine Entwicklung stattgefunden hat, aber gleichzeitig sind sie Dokument einer bestimmten Zeit und bestimmter Leute. Vier Alben, vier Besetzungen. Ich hoffe das Songwriting ist besser geworden, weil ich mich mehr dafür interessiere. Das hat mit dem Alter zu tun. Ich höre auch mehr alte Musik und erfreue mich wahnsinnig an einem schönen Song. Früher hätten wir den Verstärker voll aufgedreht oder ein Song in 120 verschiedene Richtungen entwickelt. Ich schätze mehr und mehr, dass ein Song ein Song ist.

Du hast gesagt, dass das aktuelle Album Pocket Revolution schlichter sein soll. Die Instrumentierung auf Pocket Revolution ist immer noch bombastisch. Hast du je daran gedacht noch schlichtere Musik zu machen?
 
Ja ja. So sehr ich auch verkünde ein Minimalist zu sein; ich werde immer ein Maximalist bleiben (lacht). Ich liebe vielschichtige Sachen und Leute müssen mir eine Ohrfeige geben  und sagen: „Genug jetzt“. Falls sie das nicht tun mache ich immer weiter.

Wieso magst du diese vielschichtigen Arrangements?                     
 
Ich mag es wenn ein Song vielschichtig ist. Wenn du mit den Kopfhörern einen Song hörst und plötzlich bemerkst du etwas Kleines, was dir zuvor nie aufgefallen ist. Das mag ich. Aber ich versuche mich wirklich zu ändern und die Songs schlichter zu gestalten.

Eure Songs weisen eine ungeheure Vielfalt auf. Was glaubst du wie marktkompatibel ist dEUS?
 
Wieder eine gute Frage. Wahrscheinlich nicht so kompatibel wie Placebo, welche immer wieder den gleichen Song schreiben (lacht). Ich glaube nicht, dass sie das abstreiten würden. Placebo sind Freunde, deshalb darf ich das sagen. Die Musik die wir machen steht im krassen Gegensatz zu den gängigen Marktregeln. Die Gefahr ist, dass das Publikum nicht weiss was wir sind. Sie sagen sich: „Gestern hörte ich einen dEUS Song. Der war sanft und melodisch“. Dann hören sie Bad Timing oder Stop-Start Nature und denken sich: „Warte mal, dass kann nicht dEUS sein“. Aber ich glaube das ist auch ein Grund dafür, wieso wir bekannt sind.

Was hält eure Plattenfirma davon?
 
Sie lieben uns (lacht ironisch). Wir haben vor kurzem die Plattenfirma gewechselt. Wir waren bei Island Records (Universal) und sind jetzt bei V2 (Virgin). Manchmal treiben wir sie in den Wahnsinn weil wir so unberechenbar sind. Aber andererseits mögen sie uns. Ich will nicht eingebildet klingen, aber ich glaube es gibt wenige Bands wie dEUS und das ist gut für die Plattenfirma. Ausserdem sind viele Musiker Fans von dEUS. Die Plattenfirma kann deshalb viele neue Bands unter Vertrag nehmen.

Ihr habt eine ziemlich stabile Fangemeinschaft. Ähnlich wie die Dandy Warhols und sie waren der Meinung, dass sie ohne Plattenfirma mehr Geld verdienen würden.
 
Abgesehen von den Plattenaufnahmen, welche viel kosten, brauchen wir nicht viel Geld von der Plattenfirma. Wie du gesagt hast sind unsere Fans treu, aber ich mache das seit zwölf Jahren und es würde mich nicht stören ein wenig grösser zu sein.
Wieso?
 
Weil ich es hasse Kult zu sein. Ich hasse alles was Kult ist. Kult ist das Lächerlichste was es gibt. Da ich das seit zwölf Jahren mache, möchte ich eine Entwicklung sehen. Es würde mich nicht stören die Rote Fabrik nächstes Jahr auszuverkaufen. Und verdammt ich will die Rote Fabrik das nächste Jahr ausverkaufen.
 
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