(Jan Gerlach, 24.04.2008) Da stehen sie also, lassen die Köpfe und Schultern hängen und sind so schmächtig und unspektakulär, wie man das von einem richtigen Blog-Hype erwartet. Sehr schön!
Weniger nett ist aus der Sicht eines nicht profitorientierten Internet-Magazins die Tatsache, dass Crystal Castles sich von der Blogosphere mal eben haben hochhypen lassen, um jetzt das Anbieten von MP3s ihrer Stücke zu verbieten. Aber das ist ja nichts neues und zeigt die Naivität der Amateur-Blogger knallhart auf. (Dass Crystal Castles selbst mit Madonna wegen des Covers eine EP im Konflikt stehen, ist eine ganz andere Geschichte. Ah und das Verletzen von Urheberrechten an Creative Commons-Inhalten wird ihnen auch noch vorgeworfen.)
Und es ändert auch nichts am Album selbst, das hier besprochen wird. Dieses ist Segen und Fluch zugleich. Die Band ist nach einem Atari-Game von 1983 benannt und klingt auch nach diesem. Will heissen: 8-Bit Töne treffen auf eine verzerrte Frauenstimme und billige, bis schwere Beats und Samples. Die Stimme gehört Alice Glass, deren Mikro-Test zur ersten Single wurde (Alice Practice), die schlicht nicht hörbar ist. Grässliches, unkoordiniertes Geschrei und wildes Herumgefiepe des Computers sind sogar diesem eher hartgesottenen Redaktor zu wirr, der sich am Primavera Sound 2007 volle 20 Minuten lang Fennesz & Patton angehört hat. Ähnlich schlimm: Xxzxcuzx Me und Love And Caring.
Ein Traum hingegen grosse Teile der restlichen Tracks. Der Opener Untrust Me entführt den Hörer in die neon-durchflutete Nacht eines 80er-Jahre Computerspieles, aus welchem man bis zu Ende des Albums nicht mehr herausfindet oder entfliehen will. Ein interessantes Gefühl wird da vermittelt: Ob es Melancholie oder Frohsinn ist, kann leider nicht gesagt werden. Es branden einem synthetischen Schallwellen entgegen. Crystal Castles legen einen düsteren Nebelschleier um sich und ihre Hörer und digitale Sonnenstrahlen durchfluten den Raum. Gleichzeitig.
Doch Nomen est Omen: Der Computer hat eine bedrohliche und eine fröhliche Seite. Wunderbar, wenn man ihn sich Untertan machen kann, einen modernen Haussklaven. Nicht auszudenken hingegen, wenn er ausser Rand und Band gerät, einen mit ohrenbetäubenden und verstörenden Geräuschen quält.
Crystal Castles zeigen beides: Sie feiern eine Vorabendfete mit dem Atari, wo man lässig am Cocktail nippen kann und zu späterer Stunde, wenn man sich allmählich an die Vorzüge des digitalen Dieners gewöhnt hat, der da diese Neonfarben ausstrahlt und den Takt zum Tanze vorgibt, auch mal etwas mit dem Kopf nicken oder sogar ungeniert tanzen. Das Duo zeigt aber auch klar die Grenzen des Spasses auf, wenn der Freund aus Schaltkreisen nicht mehr gehorchen will, sondern einem seine durchgedrehten Fantasien aufdrückt.
Doch es gibt heute kein Zurück mehr. Man muss es wagen! (7)
Das meinen die Kollegen:
Pitchfork 7.8 von 10
XLR8R.com 8 von 10
Anhören: Auf dem Myspace der Band.
Ansehen:
Crystal Castles - Courtship Dating
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